Datum & Uhrzeit

Datum 4. Mai 2022
Beginn 20:00
Kasse 19:00

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Ivan Ilic spielt Hans Otte

Der renommierte serbisch-amerikanische Pianist Ivan Ilić kommt in den Sendesaal, um ein Werk von aufzunehmen, dessen Entstehung vor fast 40 Jahren viel mit dem Saal zu tun hatte. Hans Ottes Werk Buch der Klänge. Und er spielt dieses Werk auf einem besonderen Flügel, dem Kawai Shigeru. Dies ist sein Produktionskonzert.

In Kooperation mit


Ivan Ilić – Piano

Hans Otte (1926 – 2007): Das Buch der Klänge

Ivan Ilić stieß erstmals auf Das Buch der Klänge, als er zu der Musik des amerikanischen Komponisten Morton Feldman recherchierte. Er fühlte sich sofort von Ottes besonderer Klangwelt und der offenen Form des Werks angezogen und begann, das Stück auf Festivals in ganz Europa und in Amerika aufzuführen. Sein Wunsch, sein Verständnis für das Werk und seine Entstehung zu vertiefen, veranlasste ihn zu einem Treffen mit der Tochter des Komponisten und zu einer Reise nach Bremen, um zu untersuchen, wie die Akustik des Sendesaals zur Entstehung des Stücks beigetragen hat.

Hans Otte, Komponist, Pianist und langjähriger Musikchef von Radio Bremen wurde 1926 in Plauen geboren. Ab 1946 studierte er, der bereits als Fünfjähriger mit dem Klavierspiel begonnen und später am Konservatorium in Breslau Harmonielehre und Kontrapunkt gelernt hatte, in Weimar, wechselte 1948 an die Musikhochschule Stuttgart, bevor er 1950 ein einjähriges Stipendium an der Yale-Universität in den USA bekam, wo er bei Paul Hindemith Komposition studierte. Zu seinen Lehrern gehörten auch Walter Gieseking (Klavier), Fernando Germani (Orgel) und Hermann Abendroth, der ihn zum Dirigenten ausbildete. Studienreisen führten ihn auch nach Italien. Ein Stipendium der Villa Massimo, Rom, erhielt er 1959. Direkt aus diesem Studienaufenthalt heraus engagierte Radio Bremen Otte als mit 32 Jahren jüngsten Musikchef der ARD. Hier entfaltete er parallel zur eigenen Künstlerkarriere besonders im Rahmen der von ihm begründeten Festivalbiennalen pro musica nova und pro musica antiqua bis 1984 eine epochemachende Tätigkeit als weltoffener Vermittler von Musik und Klangkunst: mit undogmatischer, auf sinnlich-direkte Vermittlung setzender Präsentation neuer, alter und kulturell differenter Musikkunst machte Otte Bremen über viele Jahre zu einer ersten Adresse der Musikwelt.

Exemplarisch offenbarte sich Ottes traditionsgeschulter Sinn für neuen Klang im zwölfteiligen Klavierzyklus Das Buch der Klänge (1979–1982). Unter behutsamer Aufhebung der europäischen Klaviertradition kondensierte er hier – mit Spuren zu Schubert, Chopin, Debussy, Ravel, Satie und der amerikanischen Minimal Music – eine raffinierte, stets fließende Synthese alter und neuer Klang- und Formenwelten. Das Buch der Klänge, eine für Werke zeitgenössischer Musik geradezu populäre Komposition, wurde bis dato – zunächst in Ottes eigener Aufnahme von 1983 – weltweit vielfach verbreitet. Im Sendesaal entsteht nun eine weitere interessante Version mit Ivan Ilić.

Der serbisch-amerikanische Pianist Ivan Ilić genießt dank seines unkonventionellen Repertoires und seines facettenreichen Ansatzes einen einzigartigen Platz in der heutigen Musiklandschaft. Indem er das Auftreten mit dem Schreiben verbindet, Radio und Video produziert und auf wichtige interdisziplinäre Erfahrungen mit bildender Kunst, Schauspiel und der Neurowissenschaft des Lernens zurückgreift, erschließt er sich ein neues Publikum für unbekannte Musik. Sein Eklektizismus spiegelt sich in der Auswahl seiner musikalischen Projekte wider, die von den bekanntermaßen schwierigen Chopin/Godowsky-Studien über die zarte Abstraktion von Morton Feldman bis hin zur Wiederentdeckung der Musik von Beethovens tschechischem Freund und Zeitgenossen Antoine Reicha (1770-1836) reichen.
Ilić erwarb Abschlüsse in Mathematik und Musik an der University of California Berkeley, bevor er mit einem Hertz-Stipendium nach Paris ging. Anschließend studierte er am Conservatoire Supérieur de Paris, wo er einen Premier Prix erhielt, und an der Ecole Normale de Musique de Paris, wo er ein Aufbaustudium absolvierte. Die Stadt Paris sponserte seine erste Aufnahme.
Zu den frühen Höhepunkten seiner Karriere gehörten Auftritte in der Carnegie Hall, der Wigmore Hall, der National Concert Hall in Irland, dem Glenn Gould Studio in Toronto und der American Academy in Rom.

Aufnahmen haben eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Ilićs internationaler Anerkennung gespielt. Seine CD mit 24 Préludes von Claude Debussy [2008] wurde in Frankreich mit dem Critic’s Choice Award von Mezzo Television ausgezeichnet und gehörte zu den fünf besten CDs des Jahres von Fanfare Magazine und Classique News.

Seine nächste CD [2012] enthielt die kompletten Chopin-Etüden für die linke Hand von Leopold Godowsky, eine Meisterleistung an Musikalität und Virtuosität. Die Aufnahme wurde von BBC Radio 3 als “eine große Leistung” und “atemberaubend” bezeichnet. Vom Repertoire für die linke Hand verlagerte Ilić seinen Schwerpunkt auf den US-Komponisten Morton Feldman, was zu einer Trilogie von Veröffentlichungen führte, die allgemein gefeiert wurde, mit begeisterten Kritiken in The Independent [UK], The Washington Post [US], Diapason [FR], Fono Forum [DE], Gramophone [UK], BBC Music Magazine [UK] und anderen Publikationen.

Ivan Ilić ist auch als Autor tätig und hat für die Websites von Gramophone, BBC Music Magazine, Music & Literature und Limelight über Musik geschrieben. Außerdem hat er mehrere 5-stündige Radioserien für das Schweizer Radio RTS Espace 2 mitproduziert. Für 2019-2021 war er International Musician in Residence der Universität Ulster. 2019 präsentierte er eine 9-teilige Serie über Klavierrepertoire für das Schweizer Radio.