Datum & Uhrzeit

Datum 11. September 2021
Beginn 20:00
Kasse 19:30

Claudio Puntin: FREIGEIST

Der Schweizer Klarinettist Claudio Puntin osziliert auf freigeistige und zugleich natürliche Weise zwischen Jazz und klassischer Kammermusik, wo es sonst nicht viele natürliche Übergänge zu geben scheint. Mit seinen gleichgesinnten FREIGEIST-Partnern Kristjan Randalu und Jörg Brinkmann  nähert er sich der Musik von Johannes Brahms auf ganz eigene Weise. Dazu entsteht im Sendesaal gegenwärtig ein CD-Projekt mit einem eigens hierfür entwickelten neuen Instrument in Klarinettenform, das hier seine Weltpremiere erlebt. Willkommen im Produktionskonzert.

Gefördert durch

Zurzeit dürfen wir laut letzter Corona Verordnung nur Genesenen, Geimpften oder Getesteten (kein Selbsttest!) Personen Zutritt zu dieser Veranstaltung gewähren. Bitte halten Sie den entsprechenden Nachweis bereit!
Achtung!: Aufgrund der aktuellen Corona-Bedingungen können Sie Ihre Karten erst ab einer halben Stunde vor Konzertbeginn abholen. Gehen Sie dann bitte direkt in den Saal und suchen sich einen der freigegebenen Plätze. Bitte keine unnötigen Wege.


FREIGEIST
Claudio Puntin  – A-Klarinette
Kristjan Randalu – Piano
Jörg Brinkmann – Violoncello

PROGRAMM:
Sog                                                  Claudio Puntin
Valse hésitante                          Kristjan Randalu
Rain no play  (UA)                    Jörg Brinkmann
Trio  op. 114                               Johannes Brahms
Freischein (UA)                         Jörg Brinkmann
Absence  (EA)                             Kristjan Randalu
Eichen und Weiden (UA)       Claudio Puntin

Als Johannes Brahms für seinen Freund, den Klarinettisten Richard Mühlfeld die beiden Klarinetten Sonaten, das Quintett und das Trio op.114 komponierte, tat er dies im Bewusstsein des grossen Klarinettensounds Mühlfelds, und er wusste natürlich auch von dessen grossem Vibrato. Der Violaspieler des Josef Joachim Quartetts, der zu dieser Zeit mit Mühlfeld zusammen Brahms Klarinettenquintett aufführte, berichtete: „Er besass ein grosses Vibrato, viel mehr als Joachim und soviel wie der Cellist“.

Tatsächlich ist das Vibrato auf der Klarinette in der klassischen Kammermusik- und Orchester-Speilweise bis heute selten. Der große Jack Brymer (ex-Solo Klarinettist des London Symphony Orchestra) schreibt in seinem Klarinettenbuch: „Und natürlich würde kein Geiger eine Brahms Sonate senza vibrato anbieten. Dennoch gibt es viele tausend Klarinettisten, die neben einem solchen Interpreten auftreten und sich mit erhabener Ausdruckslosigkeit durch die Es-Dur Sonate rackern würden.

Seit meiner Kindheit sind mir diese Anekdoten eingebrannt, ich nahm sie gerne auf in mein Credo, dass weder Stilistik noch Spielarten dogmatisch sein können wenn es um das Wesen von Musik geht. Das Freigeist Leben begann, ich fühlte mich von jedem Ausdruck musikalischer Ehrlichkeit, die der Mensch schafft, bewegt. Es hat mich nie verwundert, Dinge zusammenzubringen die von Natur aus schienen zusammen zu gehören. Vibrato schien mir natürlich, der Stimme nahe, Groove schien mir natürlich als Teil von Bewegung und Tanz. Genau so wie die Platzierung eines nicht auf dem downbeat liegenden Achtels innerhalb der Timeline, er hat seine genau definierte Stelle wo er hingehört. So natürlich wie in der Sprache ist der Achtel eine Silbe, mit ihrer Phrasierung, akzentuiert oder ge-ghostet. Fremdsprache oder Muttersprache?

So fiel mir als junger Musikschüler auf, wenn im klassischen Konzert der/die Solist*in es „wagte“, die Zugabe aus einer Musikwelt auszuleihen die ihm/ihr fremd ist, passt nichts mehr wirklich aufeinander, die Sprache wurde nicht gesprochen. Ich lernte, musikalisch lügen geht nicht.
Auch lernte ich, dass im Gegensatz zur alten Musik, zum Jazz und anderer improvisierten Musik, Improvisation kaum Teil der europäischen Kunstmusik ist, wo doch beispielsweise der Platz einer Kadenz im Solo-Konzert genau den Raum für die Symbiose des Ausdrucks zwischen der Vergangenheit der Komposition und der Gegenwart der Aufführung bietet, und ausserdem, erwächst jede Komposition aus Improvisation. Improvisation ist das Zulassen von Möglichkeiten im Jetzt.

So habe ich mich entschieden für das Projekt „Freigeist“ zwei gute Freunde einzuladen, deren Wurzeln ebenso tief in der europäischen klassischen Tradition, Komposition, als auch in freier und harmonisch/rhythmischer Improvisation verankert sind, so ist ihnen auch ein selbstverständliches Groove-Bewusstsein eigen. Kristjan Randalu und Jörg Brinkmann repräsentieren diesen seltenen Typus musikalischen Freigeistes, die allumfassende Welt der Musik umarmend. Wir alle drei haben die Welt musikalisch bereist, viele Kulturen kennengelernt und mit Musiker*innen aller Provenienz gespielt und von ihnen gelernt. Diese
Hingabe ist uns zum Alltag geworden.

So werden wir eigene, hierfür komponierte Werke mit dem Trio von Johannes Brahms vereinen, denn was ist spannender als zu entdecken, was die wirkliche musikalische Aussage von Musiker*innen auf der Bühne ist? In dieser Konstellation das Brahms-Trio op 114 zu erleben öffnet die Komposition einem neuen Zuhören und ist eine höchst interessante Angelegenheit, die selbst aus der Brahmsschen Partitur bisher kaum wahrgenommene Möglichkeiten hörbar macht.

Die Bandbreite des Kammermusik-Repertoires ist gross, um diese etwas zu kondensieren habe ich mich entschlossen, den Fokus auf kammermusikalische Werke mit Klarinette in A einzuengen. Aus Werken von Brahms, Reger, Stravinsky, Schumann, Mozart u. a. habe ich das berühmte Trio op 114 herausgesucht, welches Brahms 1892 fertig stellte. Dafür habe ich in den letzten 3 Jahren mit dem Instrumentenbauer Frank Hammerschmidt aus Burgau zusammengearbeitet und ein neues Instrument konzipiert. Passend zum Freigeist-Charakter des Gesamtkonzepts ist so eine A-Klarinette entstanden, die aus der Deutschen-, Französischen- und Wiener Klarinetten-Tradition schöpft. Die physikalischen und klanglichen Eigenschaften der einzelnen Traditionen wurden zu einem idealen neuen Instrument in Klarinettenform vereint. Dieses Instrument erlebt hier also seine Weltpremiere!

Seit meiner Jugend habe ich mir diesen Klang vorgestellt, nun ist er hörbar geworden und passt perfekt zum Konzept dieses Konzertes. In einer weiteren Edition dieses Projektes werde ich, wiederum in Zusammenarbeit mit dem Sendesaal Bremen, weitere Meilensteine der Literatur für A-Klarinette aufnehmen, unter anderem Mozarts Klarinettenquintett KV 581.
(Claudio Puntin)

Claudio Puntin *1965 Zug, Schweiz
Klarinettist, Komponist, Musikproduzent, Goldschmied
Claudio Puntin hat seit seinen ersten musikalischen Schritten in früher Kindheit die Begeisterung der Unendlichkeit musikalischer Freiheit ausgelebt. Nach (oder trotz?) den Studien an der Musikhochschule Köln und am Rotterdams Konservatorium hat er die Klarinetten-Familie zu seiner Spielwiese gemacht, aber auch zu seinem Keyboard, zu seinem Schlagzeug, zu seiner Steuereinheit für diverse Klangprozessoren und zu seinem Kompositionswerkzeug.
Sein Sinn für musikalische Klang-Kostüme und sein Instinkt für musikalische Reaktionsschnelligkeit brachten ihn mit vielen kreativen Künstler*innen diverser auch aussermusikalischen Genres zusammen. Er betrachtet das Teilen freier Ideen und kreativer Lösungen als nachhaltigstes menschliches Tun. Ihm ist der absichtsfreie künstlerische Ausdruck wichtig und er versteht die Improvisation als ehrlichste Ausdrucksform, in ihr erkenne man Menschen, Toleranz und Empathie.
Er schuf Werke für u.a. das Minnesota Orchestra, Iceland Symphony Orchestra, WDR Sinfonieorchester, Holland Symphonia, Carl Orff Chor, u.v.a. Er erhielt den ersten WDR-Jazzpreis, arbeitete u.a. mit Fred Frith, Steve Reich, Carla Bley, Steve Swallow, Skuli Sverrisson, Sidsel Endresen, Emiliana Torrini, Ricardo Villalobos, Ensemble Modern und schuf Soundtracks zu Werken von u.a. Orhan Pamuk, Daniel Kehlmann oder Anselm Kiefer. Zurzeit arbeitet er an einem Konzept, sein elektronisches Soloprogramm „Quantum” auf Sinfonieorchester zu übertragen.
Er gibt internationale Masterclasses v.a. zu den Themen Musikalische Empathie, Improvisation, und Rhythmik für Orchestermusiker und unterrichtete an der Universität der Künste Berlin und an der Musikhochschule Köln. In seinem aktuellen Schaffen zeigt er die Kunst als Echtzeitmedium auf und weist auf den sich aktuell beschleunigenden Instinktverlust zur Natur und Kreativität hin.

Kristjan Randalu *1978 Tallin, Estland
Pianist, Komponist
… ist einer der fesselndsten Pianisten seiner Generation, gefragt als Solist, Mitmusiker und Komponist. Jazz Times beschreibt seine Musik als ein “unbenennbares exotisches Land”. Seine musikalische Vielseitigkeit hat Randalu zu den renommierten Jazzfestivals und großen Konzertsälen der Welt gebracht, sowohl als Interpret als auch als Komponist von Jazz und klassischer Musik.
In Tallinn, Estland geboren, zog er als Kind zweier Pianisten nach Deutschland, wo er an den Musikhochschulen in Karlsruhe, Stuttgart und Köln studierte. Stipendien führten Randalu an die Royal Academy of Music (mit Django Bates), dem Henry Mancini Institute in Los Angeles und der Manhattan School of Music.
Als Solist ist er mit dem London Symphony Orchestra, dem Stuttgarter Kammerorchester, dem Neuen Berliner Kammerorchester, dem Tallinner Kammerorchester und dem Staatlichen Sinfonieorchester Estlands aufgetreten, u.a. unter der Leitung von Dennis Russell Davies, Kristjan Järvi, Paavo Järvi, Juha Kangas, Eri Klas, Vince Mendoza und Maria Schneider.
Randalu trat auf in der Carnegie Hall und dem Lincoln Center in New York, dem Berliner Konzerthaus, der Barbican Hall in London, der Kölner Philharmonie sowie auf North Sea Jazz, Istanbul Jazz Festival, Montreux Jazz Festival, Jazz à Vienne und London Jazz Festival.
2020 erhielt er den staatlichen Kulturpreis in Estland. Unter seinen mehr als 40 Aufnahmen als Solist und Mitmusiker sind eine Grammy- Nominierung 2006 und das Jazz-Album des Jahres bei den Estonian Music Awards 2012. 2018 erschien sein ECM-Debüt “Absence”. Die aktuelle Aufnahme “Mussorgsky Pictures Revisited” (BMC Records) im Duo mit Dave Liebman wurde in die 2020 Bestenliste von The New York City Jazz Record gewählt.
Randalu spielte mit Eivind Aarset, Mathias Eick, Paolo Fresu, Mark Guiliana, Ari Hoenig, Petros Klampanis, Nguyên Lê, Marilyn Mazur, Ben Monder, Nils Petter Molvær, Claudio Puntin, Trygve Seim und Dhafer Youssef.

Jörg Brinkmann *1976 Kempen, Deutschland
Cellist, Komponist
Der international bekannte Cellist Jörg Brinkmann gehört zu den wenigen der bekannten „Crossover“ Cellisten der Welt. Er hat auf seine eigene, spezielle Art die Möglichkeiten des Violoncellos erweitert und einen unverwechselbaren, persönlichen Sound entwickelt. Er setzt das Cello als lyrisches Melodie- und Soloinstrument ein, als Bass, aber auch als Harmonieinstrument.
Jörg Brinkmann ist sowohl in der klassischen Musik zuhause wie im Jazz und der improvisierten Musik. Oft arbeitet er künstlerisch mit anderen Disziplinen zusammen wie Tanz, Schauspiel oder Literatur.
Den Einsatz von Elektronika benutzt er als weitere Farbpalette auf eine geschmackvolle und subtile Weise. Seine Konzerttätigkeit führt ihn in Konzertsäle und auf Festivals in der ganzen Welt.
Seine CD-Aufnahmen sind auf Labels wie ACT- Music, Jazzsick, Challenge Records, Sony u. a. erschienen. Seine grosse Kreativität ist am eindrucksvollsten in seiner eigenen Band „Jörg Brinkmann Trio“ mit Pianist Jeroen van Vliet und Schlagzeuger Dirk-Peter Kölsch zu hören. Ihr neuestes Album „Labyrinth“ von 2020 ist bereits jetzt ein Meilenstein der Piano-Trio Veröffentlichungen. Seit einigen Jahren arbeitet er zusammen mit Markus Stockhausen in dessen Quartett, tritt im Duo mit der afghanisch- deutschen Sängerin Simin Tander auf und ist im Trio zu hören mit Julian und Roman Wasserfuhr.